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Gedenkstein in Erinnerung an Mike Zerna

Mike Zerna

Mike Zerna wurde am 4. Juli 1970 in Altdöbern geboren und wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern in Vetschau bei Lübbenau auf. Nach seiner Schulzeit absolvierte er zunächst eine Lehre als Schuhmacher, bevor er eine eigene Wohnung in Vetschau bezog und als Einzelhandelskaufmann arbeitete. Er war ein ruhiger und zugleich lebenslustiger Mensch, der eine enge Beziehung zu seiner Familie pflegte und sich vor allem für alternative Musik begeistern konnte. Durch diese Leidenschaft fand er Anschluss an die regionale Heavy-Metal-Szene. Er sammelte Schallplatten, besuchte Konzerte und engagierte sich als Fahrer für befreundete Bands. Er hatte die Vision, einen ortsansässigen Schuhmacherbetrieb zu übernehmen und träumte davon, gemeinsam mit seiner Freundin ein eigenes Haus auf dem Land zu beziehen.

In der Nacht zum 20. Februar 1993 wurde Mike Zerna bei einem rechtsmotivierten Überfall auf den Club „Nachtasyl“ in der Hoyerswerdaer Neustadt lebensgefährlich verletzt. Wenige Tage später, am 25. Februar 1993, verstarb er im Klinikum Hoyerswerda, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen. Er wurde nur 22 Jahre alt.

Die Tat

Am Abend des 19. Februar 1993 fand in den Räumen des „Nachtasyls“ in der Ziolkowskistraße ein alternatives Konzert mit zwei regionalen Bands statt. Bereits zu Beginn der Veranstaltung kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Gästen und mehreren Neonazis aus Hoyerswerda, die ebenfalls Einlass erhalten hatten, obwohl sie unerwünscht waren. In der Folge verließen diese den Club zunächst wieder, wobei ihr Auto durch einen Steinwurf beschädigt wurde. Kurze Zeit später erschienen weitere Rechte vor dem Club, provozierten die Anwesenden und zogen sich schließlich ebenfalls zurück.

Während das Konzert zunächst störungsfrei beendet werden konnte, sammelten sich die beteiligten Neonazis im nahe gelegenen Jugendklubhaus „Ossi“ und versuchten dort, weitere Verbündete zu mobilisieren, um sich an den vermeintlichen „Linken“ und „Zecken“ im „Nachtasyl“ zu rächen. Kurz nach Mitternacht fuhren schließlich etwa 20 bis 30 Personen in die Ziolkowskistraße und überfielen die wenigen Besucher*innen, die sich nach Konzertende noch vor Ort aufhielten.

Obwohl es einigen Gästen noch gelang, sich in den Räumlichkeiten zu verschanzen, wurden während des etwa 20-minütigen Angriffs mehrere Menschen, die sich vor und innerhalb des Clubs befanden, mit brutaler Gewalt zusammengeschlagen und zum Teil schwer verletzt.

Mike Zerna, der als Fahrer einer der auftretenden Bands zum Konzert nach Hoyerswerda gekommen war, hielt sich zum Zeitpunkt des Überfalls gemeinsam mit seinem älteren Bruder ebenfalls vor dem Club auf, wo sie Musikinstrumente in einen Kleintransporter luden. Auch sie wurden unvermittelt von mehreren heranstürmenden Angreifern attackiert und bewusstlos geschlagen. Anschließend demolierten die Täter das Fahrzeug und stießen es um, sodass Mike Zerna darunter eingeklemmt wurde. Erst etwa eine halbe Stunde später, nachdem die Täter geflohen und endlich Einsatzkräfte am Tatort eingetroffen waren, konnte er schließlich von anderen Gästen geborgen, von Sanitätern reanimiert und ins städtische Klinikum gebracht werden. Am 25. Februar 1993 erlag Mike Zerna dort seinen schweren Verletzungen.

Mehr als ein Jahr später fand vor der Jugendkammer des Landgerichts Bautzen schließlich der Prozess gegen insgesamt zwölf Tatbeteiligte im Alter von 18 bis 24 Jahren statt. Die Aufklärung der Geschehnisse gestaltete sich jedoch schwierig, weil die Polizei nur unzureichend Beweise gesichert hatte und die Anklage sich im Wesentlichen auf die Einlassungen der Beschuldigten stützte. Viele Fragen zum konkreten Tathergang und der Rolle der einzelnen Beteiligten blieben somit offen.

Letztlich wurden die Angeklagten im Juli 1994 u.a. wegen schwerem Landfriedensbruch und Körperverletzung sowie Totschlag durch Unterlassen und fahrlässiger Tötung verurteilt. Acht von ihnen erhielten vergleichsweise milde Jugend- und Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und drei Monaten und vier Jahren. Gegen die übrigen Beteiligten wurden lediglich Bewährungsstrafen verhängt.

Obwohl das Gericht feststellte, dass die Täter den Club gezielt aufgesucht hatten, um Menschen anzugreifen, die sie für „Linke“ hielten, sah der leitende Staatsanwalt „keine rechtsradikalen“ Tatintergründe. Ungeachtet dieser Einschätzung wurde Mike Zerna noch im selben Jahr auch von staatlicher Seite als Opfer rechter Gewalt anerkannt.

Kontext

Mit dem tödlichen Überfall auf das „Nachtasyl“ eskalierte die rechte Gewalt in Hoyerswerda nach den tagelangen Ausschreitungen gegen die Wohnheime von Vertragsarbeiter*innen und Asylsuchenden im September 1991 ein weiteres Mal und erreichte eine neue Dimension.

In der gesamten Region – ebenso wie in vielen anderen Teilen Ostdeutschlands – hatte sich im Schatten der Wiedervereinigung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche eine rechtsradikale (Jugend-)Subkultur etabliert, deren Akteure teilweise mit massiver Gewalt versuchten, das gesellschaftliche Klima ganzer Landstriche zu dominieren. Es folgten flächendeckende Organisierungsversuche militanter Neonazi-Gruppen sowie zahlreiche rassistische Gewalttaten und Angriffe auf Andersdenkende, Asylunterkünfte, Jugendclubs und Diskotheken.

Im Zeitraum von 1990 bis 2000 wurden allein im Umkreis von 50 Kilometern um Hoyerswerda mindestens sechs weitere Menschen aus rechten Motiven getötet.

Unter ihnen etwa die 44-jährige Waltraut S., die am 23. Oktober 1992 ebenfalls im Klinikum Hoyerswerda verstarb, nachdem sie bei einem Angriff junger Rechter auf eine Gaststätte in Geierswalde niedergeschlagen worden war. Oder der 27-jährige Timo K. aus Senftenberg, der am Abend des 12. Dezember 1992 an einer Landstraße bei Meuro von Mitgliedern einer militanten Wehrsportgruppe erschossen wurde.

Angemessene Reaktionen auf diese Entwicklungen blieben sowohl von Seiten der Politik, als auch der Sicherheits- und Justizbehörden lange Zeit aus. Rechte Gewalttaten wurden bagatellisiert und entpolitisiert, die Täter nicht konsequent verfolgt, Betroffene und ihre Angehörigen mit den Folgen allein gelassen.

Gedenken und Erinnerungsort

Anlässlich des 30. Todestages von Mike Zerna fand am 25. Februar 2023 erstmals eine öffentliche Gedenkkundgebung vor dem ehemaligen Club „Nachtasyl“ statt. Gemeinsam mit Familieangehörigen wurden am damaligen Tatort Blumen niedergelegt und in Redebeiträgen an ihn sowie an weitere Todesopfer rechter Gewalt in der Region erinnert.

Nachdem sich das Gedenken vor Ort in den Folgejahren verstetigte, entstand im Austausch mit Angehörigen und Zeitzug*innen sowie weiteren Unterstützer*innen die Idee, einen dauerhaften Gedenkort zu schaffen, um die Erinnerung an Mike Zerna und die Tat auch in Zukunft im Stadtbild wachzuhalten.

In Kooperation mit dem Leipziger Bildhauer Simon Barta wurde im Jahr 2025 ein Entwurf für einen Gedenkstein aus Cottaer Elbsandstein konzipiert und von der Stadtverwaltung genehmigt. Dieser konnte mit finanzieller Unterstützung des Demokratiezentrums des Landes Sachsen sowie durch Spenden umgesetzt und im September 2026 in unmittelbarer Nähe zum damaligen Tatort aufgestellt werden.

Die auf einem Sockel ruhende Skulptur hat die Form eines aufgeschlagenen Buches, in dessen linke Innenseite die Inschrift „In Erinnerung an Mike und die Geschehnisse in der Nacht zum 20. Februar 1993“ eingraviert ist. Der unversehrten Buchseite ist die Darstellung herausgerissener Seiten gegenübergestellt, die den gewaltsamen Tod von Mike Zerna und den damit verbundenen Verlust für seine Familie und Freunde symbolisieren.

Mike Zerna

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen zum Gedenken an Mike Zerna finden sich unter:

Informationen zu weiteren Todesopfern rechter Gewalt in der Region finden sich unter: